Dienstag, 6. Dezember 2016

Willkommen im Niemandsland (Kurzgeschichte)




Draußen vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen es weihnachtet... oops, so weit ist es dann doch noch nicht. Einen schönen Nikolaus wünschen wir euch allerdings und hoffen, dass der eine oder andere auch an euch denkt und euch eine kleine Aufmerksamkeit hinterlässt. Wir haben heute für euch mal kein Rezept, sondern eine kleine Geschichte, die wir selbst geschrieben haben. Viel Spaß damit!

Willkommen im Niemandsland:

Genre: Drama
FSK: ab 10 empfohlen

Draußen war es kühl und nass. Der Regen hatte die Gehwege nahezu überschwemmt. Ein eisiger Wind schlich durch die Gassen und Straßen und hörte sich dabei beinahe an wie das Heulen einen Wolfes. Menschen eilten hektisch umher und versuchten irgendwo Unterschlupf zu finden. Der Regen wurde immer stärker und der melodische Klang, den er noch vor Minuten mit sich gebracht hatte, verschwand beinahe gänzlich.
Jack Hawkins störte sich kaum an dem Wetter. Er lief etwas desinteressiert durch die Straßen, heftete seinen Blick auf den Boden. Wo sollte er auch hin gehen? Es gab keinen Ort, an dem er sich gemütlich vor einem Kamin zurück ziehen konnte. Auch gab es keine liebenden Eltern, die ihn in seine Arme schließen konnten. Jack hatte niemanden. Niemanden außer sich selbst. Sich selbst und eine kleine streunende Katze, die sich öfters zu ihm gesellte.
Vielleicht waren sie beide zwei rastlose Wesen, die am Rande der Zivilisation existierten, ohne das jemand sie wirklich wahrnahm.
In seinem Leben gab es vielleicht nicht viel, an das er sich klammern konnte, doch die Hoffnung, dass alles besser werden würde, gab er dennoch nie auf.

Er lief ins alte Industrieviertel. Wenn er Glück hatte, würde er in einem der leerstehenden Fabriken Unterschlupf finden. Vorsichtig lukte er in die alte Galvanik und konnte niemanden sehen oder hören. Er kletterte durch den Fenstersims hinein und sah sich nochmals genauer um. Putz bröckelte von den Wänden. Der Boden war voller Staub und Laub. In einigen Ecken türmten sich Dreck und Müll und doch war es der beste Schlafplatz, den er sich seit langem vorstellen konnte.
Die kleine Tigerkatze war ihm bis hier her gefolgt und schaute ihn mit seinen großen Augen fragend an.
„Ach, Silver. Ich glaube hier können wir es uns heute Nacht schon irgendwie gemütlich machen, was meinst du?“
Obwohl die Katze nicht sprechen konnte, war sie oft der einzige Gesprächspartner für ihn, der einzige Keil in seinem Leben, der ihn ein Strahlen ins Gesicht zauberte. Vor ein paar Monaten war dies noch ganz anders gewesen. Kasimir war mit ihm umher gezogen. Sie beide hatten keine Bleibe, aber sie hatten etwas sehr viel Wichtigeres: Eine Freundschaft, die sie beide für die Ewigkeit verband. Wie Pech und Schwefel hielten sie zusammen, teilten Leid und auch Freud. Jetzt war er tot.
Dahingerafft an irgendeiner Krankheit, von der er nicht einmal den Namen kannte. Er kannte nur den leidenden Gesichtsausdruck seines Freundes, das Zittern am ganzen Leib und die schmerzenden Schreie, die er versucht hatte zu unterdrücken. Jack aber merkte ihm an, dass er versucht hatte tapfer zu sein, um ihm die Sorgen zu nehmen. Genau an jenem Tag, an dem Kasimir seinen letzten Atemzug tätigte, schien er es gewusst zu haben, dass er sterben würde.

„Das Niemandsland. Vielleicht ist es ein schöner Ort“, hatte er an jenem Tag zuvor gesagt.
Jack brauchte nicht nachzuhaken, um herauszufinden was er damit meinte. Das Niemandsland war ihm eigentlich mehr bekannt als das Nimmerland. Ein Ort, den James M. Barrie geschaffen hatte, um seiner Romanfigur Peter Pan einen Handlungsort zu geben. Ein Ort, der jenseits der Erde lag und in der etwas wie Zeit nicht existierte. Kinder alterten nicht, Fantasie wurde lebendig. Ein Ort, der nichts mit dieser Welt, in der sie lebten zu tun hatte. Ein Fleckchen Erde, auf dem Sorgen nicht existierten.
Kasimir hatte diese Geschichte einst gehört, als er ganz klein war und immer davon geträumt. Als er älter wurde und das Schicksal ihn das Dach über den Kopf nahm, verlor er seinen Glauben an das Gute dennoch nie. Selbst als die Krankheit ihn immer mehr Kraft kostete und ihn zerbrechlich wie eine Porzellanfigur machte, schien er noch immer an ein gutes Ende zu glauben.
"Vielleicht werde ich ja nach meinem Tod, an diesen wundervollen Ort kommen", war es über seine Lippen gekommen
Damals hatten diese Worte Jack aufgeregt. Er wollte seinen besten Freund nicht verlieren. Seinen einzigen Freund. Tief in seinem Innern wusste er es jedoch schon Monate vorher, dass jede weitere Sekunde mit ihm ein Geschenk war.

Nun war er tot. Nicht einmal ein anständiges Begräbnis hatte er bekommen. Jack hatte Kas eine letzte Ruhestätte im nahegelegenen Wald gesucht. Als Grabstein sollte ein loser Backstein dienen, in den er mit Kreide seinen Namen und einen Gedenkspruch geschrieben hatte.
Mittlerweile müsste der Regen die Inschrift längst wieder weg gewaschen haben, dämmerte es ihm.
Aus seinem zerlumpten Rucksack, holte er ein graues Laken hervor. Sie würde ihn vor der Kälte nicht viel schützen. Immerhin war es besser als gar nichts.
Er kniete sich hin und lehnte sich an die brüchige Fassade. Silver stupste ihn von der Seite an. Jack lächelte.
„Na, komm, Kleine. Leg dich zu mir.“ Er machte ihr Platz auf seinen Schoss und versuchte sich und die Katze so zuzudecken, dass ihr Köpfchen noch raus schaute. Sie schnurrte und kuschelte sich noch enger an ihn.

Seine Augen fielen langsam zu. Das leise, melodische Schnurren beruhigte ihn.
Während er die Welt, um sich herum nur noch vage wahrnahm, verloren sich seine Gedanken immer mehr in seiner eigenen kleinen Welt. Ein Ort der Fantasie. Ein Ort, an dem die Abenteuer und Geschichten, die Kas so geliebt hatte, lebendig waren.

Der Traum zog ihn immer mehr in seinen Bann. Er lief über eine Wiese, die von Sonnenlicht erhellt wurde. Er musste die Augen etwas zusammenkneifen, um in der Ferne etwas zu erkennen. Die Helligkeit trübte seinen Blick etwas. Eine Gestalt trat langsam auf ihn zu.
Es war Kas. Erst als er fast vor ihm stand, hatte Jack ihn erkannt.
Freudig umarmte er ihn.
„Kas, ich vermisse dich so!“ Tränen rannen über seine Wange. Dabei weinte er doch sonst nie. Dies war aber auch ein Traum. Hier sollte sich keiner daran stören, keiner ihn für schwach halten, weil er Gefühle zeigte.
„Willkommen im Niemandsland“, sagte Kas und grinste.


Wie fandet ihr die Geschichte? Lasst es uns wissen und hinterlasst einen Kommentar :)

Sky Schattenfeder
alias Nadine & Steffi


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen