Dienstag, 14. Februar 2017

Falsche Götter (Kurzgeschichte)



Heute haben wir wieder eine kleine Kurzgeschichte von uns für euch. Lasst uns gerne wissen, ob sie euch gefallen hat oder nicht. Vielleicht ist ein Psycho-Melodram nicht ganz die richtige Thematik zum Valentinstag. Warum aber nicht Kontraste setzen? ;) Viel Spaß beim Lesen!
 

Falsche Götter


Genre: Psycho-Melodram, Thriller
FSK: ab 15 empfohlen



»Eine Sache müsst ihr mir vorerst versprechen«, sprach Sydney in die Runde. Alle Beteiligten sahen sie fragend an. Die Leiterin, der Gruppentherapie warf ihr einen beschwichtigenden Blick zu. Sydney rang nach Luft und fuhr fort. »Das, was ich jetzt erzähle, habe ich noch nie jemanden gesagt. Es klingt auch einfach zu grotesk, zu...« Sie blickte zu Boden. Ihre Augen begangen zu glänzen. Ihre Lippen fingen an zu zittern.
»Erzähle es uns nur, wenn du wirklich bereit dazu bist«, wand die Therapeutin mit mitfühlenden Ton ein.

Sydneys Blick wanderte zur Decke und einen Moment wirkte es, als spräche sie ganz im Stillen zu sich selbst. Ihr Mund formte Worte, doch es kam kein Ton hervor.
Sie schüttelte den Kopf und schaute in die Augen einiger Anwesender.
»Okay, kay. Schon gut. Ich ziehe das jetzt durch. Es ist nur so... Vielleicht wird es mir keiner glauben. Außerdem gibt es Leute in diesen Raum, die es persönlich treffen könnte.«
Einige Leute blickten stirnrunzelnd zu der jungen Blondine und schienen nicht so recht zu wissen, was sie mit dieser Aussage anfangen sollten.
»In wie fern persönlich?«, platzte es urplötzlich aus dem Mund einer Rothaarigen heraus. Ihr Name war Lindsay. »Ich hoffe du hasst keine Probleme mit uns. Wenn ja, sag es nur. Damit kann ich umgehen. Ich habe weitaus größere Schwierigkeiten. Ich kann damit umgehen, wenn jemand mich nicht leiden kann. Warum auch immer. Also sag schon.«

Erneut schüttelte Sydney den Kopf und strich sich eine Locke hinters Ohr.
»Nein, es hat nichts damit zu tun, dass ich mit irgendwem von euch nicht klar komme. Es ist nur...« Wieder blieben ihr die Worte einfach im Hals stecken. Sie drehte sich auf dem Stuhl ein Stück, um in die Augen einer brünetten Mitvierzigerin zu sehen. »Caroline?«
Ein überraschtes, irritiertes »Ja?« erklang aus ihrer Kehle.
Sydney seufzte, strich sich die Falten ihres Rockes glatt und biss sich auf die Lippe.
»Es wäre besser, wenn du raus gehst. Tut mir leid. Du weißt, ich mag dich. In der Zeit, in der ich bisher hier war bist du für mich so etwas wie eine große Schwester geworden. Dies ist aber eine Sache, die ich dir nicht erzählen kann. Noch nicht. Ich dachte, ich könnte es, aber... Es geht nicht. Wenn ich diese Geschichte nur noch länger vor aller Welt zurück halte, drehe ich irgendwann durch.«

Mit jedem Wort, das sie quälend hervor presste, zweifelte sie immer mehr daran, dass es wirklich eine gute Idee diese Erlebnisse in der Gruppentherapie zum Thema zu machen.
Schweigen war manchmal doch die bessere Alternative. Sie wusste genau, dass alle Anwesenden hier sie völlig paralysiert anstarren würden, wenn sie reinen Tisch machen würde. Dennoch war es richtig. Das wusste sie. Sie wollte nicht länger ihre Träume und Gedanken mit Erinnerungen an die vergangenen Taten ihres Vaters durchtränken.
Ein schwarzes Loch fraß sich immer tiefer in ihre Seele und es würde niemals aufhören. Sich diesen Kummer von der Seele zu reden, würde diese schmerzliche Vergangenheit sicher nicht ausradieren, aber ihr ein wenig der Last nehmen. Vielleicht würde sie endlich einen Weg finden dieses Kapitel abzuschließen.

Caroline schaute verwirrt zu der Frau, die ihr in diesen Wochen eine so gute Stütze geworden war. Alles hatte sie ihr anvertraut. Ihre furchtbarsten Sorgen und Ängste, hatte kein Detail ausgelassen. Jetzt saß Sydney hier, verlangte von ihr zu gehen. Caroline verstand einfach nicht, warum sie ihr Problem der ganzen Gruppe anvertrauen wollte, zum Teil beinahe völlig Fremden. Vor ihr jedoch schien sie sich zu schämen oder zu ängstigen. Was war hier los?
Ihr Magen krampfte sich zusammen und sie musste schlucken. Letztlich aber nickte sie nur und stand auf. Ihre Mimik verhärtete sich und sie trat aus dem Raum.

Sydney biss sich erneut auf die Unterlippe. Übelkeit übermannte sie. Ihr Magen drehte sich und sie hatte das Gefühl, als wenn sie sich gleich übergeben müsste. Sekundenbruchteile später war dieses Gefühl wie weg geblasen. Sie atmete einmal tief ein und aus und setzte ein Lächeln auf.
Ein Lächeln, das offensichtlich trügen sollte. Ihre Augen waren noch immer am glänzen und sie wunderte sich, warum sie stark genug blieb, um diese Tränen zurück zu halten. Wahrscheinlich war dies einfach Teil ihres Wesens, ihres Charakters. Schon immer hatte sie sich darin geübt ihre wahren Gefühle zurück zu halten, um anderen eine perfekte Maske zu zeigen. Hier und jetzt wollte sie zeigen, dass sie fähig war diese Maske abzunehmen. Ob Trauer oder Freude – Das alles war sie nie fähig offen zu zeigen. Die Angst, dadurch ihre Seele zu weit zu öffnen war zu groß. Ihr Vertrauen zu sehr getrübt.

Die Luft in dem Raum war schneidend, beinahe erdrückend. Obwohl die Fenster ein Stück weit geöffnet waren, schien Sauerstoff Mangelware in diesem Zimmer zu sein. Die Stille, die dort herrschte machte auf Sydney den Eindruck, die Zeit würde stehen bleiben. Ihr Atem ging einen Moment lang schwerer als zuvor, doch dann schien sie sich zu fangen. Die Aufregung schien sich zu verflüchtigen. Die Welt drehte sich weiter und sie fühlte sich in der Lage alles zu erzählen.
»Gut, fangen wir an. Nochmal vorweg möchte ich sagen, dass alles mit Sicherheit kaum zu glauben ist.« Sie machte eine letzte kurze Pause und räusperte sich.
»Wie einige bereits wissen, war mein Dad alleinerziehend. Mom starb nach meiner Geburt und ich hatte keine älteren Geschwister. Auch als ich älter wurde, fand Dad keine Frau, die sein Herz erobern konnte und ihm weitere Kinder schenkte. Ich wuchs demnach als Einzelkind auf. Mir fehlte es an nichts. Mein Dad war Anwalt, verdiente daher recht gut und las mir jeden Wunsch von den Lippen ab. Wenn ich etwas haben wollte, habe ich es gekriegt. Ob dies nun irgendein wahnsinnig tolles neues Spiel war oder ein Fernseher. Ich bekam es. Ich musste nicht einmal lange betteln.« Ein trostloses Lachen ertönte ihrerseits. »Tschuldigung. Ich rede zu sehr um den heißen Brei herum und komme nicht zum Punkt.«

»Ist schon gut. Erzähl alles ganz in Ruhe«, kommentierte die Therapeutin ihre Aussagen und warf ihr einen mitfühlenden Blick zu.
»Danke.« Nach einer weiteren Atempause, fuhr sie fort. »Fakt ist: Mein Dad hatte genug Geld, um uns ein Leben in Luxus zu finanzieren. Dad aber war unglücklich. Etwas, dass ich als kleines Kind nie gesehen habe oder nicht sehen wollte. In seiner Freizeit unternahm er viel mit mir, besuchte Freizeitparks mit mir oder machte andere Ausflüge. In der Woche hatte er natürlich weniger Zeit für mich. Er musste ja arbeiten. Abgesehen von seiner Arbeit und mir hatte er jedoch nichts. Absolut niemanden. Eines Tages lernte er Frank kennen. Er schien wirklich ein netter Typ zu sein. Dies war der erste Anschein. Frank wurde sein bester Freund und Dad kam wieder unter Leute. Innerhalb kürzester Zeit merkte ich, dass es er zunehmend fröhlicher und glücklicher wurde. So war es die ersten Wochen und ich dachte mir nicht viel dabei, freute mich sogar für ihn. Ich ahnte ja nicht, dass hinter Franks' Fassade etwas Düsteres stecken konnte.
Doch ich sollte noch früh genug erfahren, was genau für tolle neue Freunde mein Dad hatte. Sie waren nicht einfach Kumpel, die am Wochenende zum Bowlen, ins Kino oder einer Party fuhren.
Sie alle waren Mitglieder einer kleinen, intimen Sekte. Genau dies ist nämlich der Teil, ab dem es grotesk wird.«

Sydney merkte wie ihre Kehle langsam trocken wurde. Sie stieß ein Husten hervor. Jemand reichte ihr ein Glas Wasser und sie nahm einen kräftigen Schluck.
Alle im Raum sahen wie gebannt auf die junge Frau. Konnten sie schon ahnen wie obszön diese Geschichte wirklich noch werden würde?
»Naja, als Sekte hätte wohl niemand von ihnen selbst ihre Gruppe von Geisteskranken bezeichnet. Sie hielten sich für Boten Gottes, die für ihn die Welt von Sünden befreite. Sie bildeten sich ein, dass sie Zeichen von Gott erhalten würden, die ihnen sagten, welche Menschen auf der Erde in Sünde lebten. Ihre Aufgabe dabei war es...« Sie schluckte. Ihre Augen huschten über den Boden. »Ihre Aufgabe war es jeden von diesen Sündern zu bestrafen... zu töten.«
Stille. Keiner im Raum vermochte ein Wort zu sagen. Was in den Köpfen der Anwesenden vorging, konnte man nur erahnen. Glaubten sie, was sie da sagte? Und wenn sie es taten, konnten sie diese unfassbaren Worte wirklich verstehen?

»Anfangs bekam ich davon, wie ich schon sagte nicht viel mit. Dann hieß es wohl, dass ich ebenfalls ein Teil von ihnen werden sollte. Frank hatte das Besondere in mir gesehen und auch Dad war davon überzeugt, dass Gott ihm gesagt habe, dass ich eine der glücklichen Auserwählten wäre. Um selbst jemanden zu töten sei es aber noch zu früh, sagten sie.« Ihre Hände begangen zu zittern. Ihr Blick fing den von Lindsay auf. Erst jetzt schien Sydney zu realisieren, dass sie wirklich im Begriff war dieses düstere Kapitel ihres Lebens aufzudecken.
Sie wurde etwas unruhig und auch die Therapeutin merkte dies.
»Alles ist in Ordnung. Du musst nicht weiter erzählen, wenn du nicht willst.«
Sydney nickte. Ihre Mimik wurde von einer ungewöhnlichen Entschlossenheit erhellt.
»Doch.« Sie nickte erneut. »Ich habe das jetzt angefangen. Also werde ich jetzt nicht einfach aufhören.« Noch ein Schluck Wasser wurde ihre Kehle hinunter gespült.

»Keiner von ihnen zwang mich jemanden zu töten. Ich war noch zu jung, um Sünder zu bestrafen. Wenigstens waren sie diesbezüglich in halbwegs ernüchternder geistiger Verfassung. Dafür war ich zu oft dabei, wenn sie es taten. Sie glaubten zu wissen, welche Sünden diese Menschen schon verübt hatten. Jedes groteske Detail ihrer Vergehen. Vergewaltigung, Mord, Betrug.... Um nur einiges aufzuzählen. Immer erzählten sie mir, was diese Leute alles getan haben... getan haben sollten, doch ich wollte das gar nicht hören. Ich war doch selber erst gerade zehn Jahre alt.« Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn der Blondine. »Dieser Albtraum sollte aufhören. Ich traute mich jedoch nicht zur Polizei zu gehen. Nicht einmal meinen Freunden konnte ich dies anvertrauen. Es war ein Geheimnis, dass an mir klebte, wie Sekundenkleber und dabei beinahe so bitter wie Öl schmeckte. Ich konnte es einfach nicht, schwieg wie ein Grab. Es ist nahezu ein Wunder, dass niemand jemals etwas heraus fand. Naja, ein Wunder, dass ähnlich erfreulich wie ein trojanisches Pferd war.« Mit einem Mal war ihr Kopf wie leer gefegt.

Sie sah zur Decke. »Tut mir leid. Verdammt. Ich kann das nicht. Ich kann das nicht. Gott, ich kann das nicht«, wimmerte sie.
Ihr Blick zog weiter, schweifte durch den Raum und blieb schließlich auf dem Ausblick nach draußen haften. Auf der anderen Straßenseite sah sie ihn. Aiden Livingstone. Ihr Vater.
Er schenkte ihr ein Lächeln und nickte ihr zu. Mit seinem Mund formte er tonlos die Worte »Tu es.« Natürlich konnte Sydney nur ahnen, dass er ihr dies sagen wollte.
Ihre Hände fingen an zu zittern. Sie griff in die Innentasche ihres Blaserz und holte eine Knarre hervor. Fest mit beiden Händen umklammert richtete sie diese zuerst auf ihren Nachbarn, drückte ab. Die Tränen die sie zuvor so gut versucht hatte zurück zu halten schossen ihr in die Augen. Sie schloss die Augen und zielte blind. Jeder Schuss ließ ihr Herz zusammen zucken. Als sie die Augen wieder öffnete war es nur noch ein junger Mann, der zitternd auf seinem Stuhl saß und sie paralysiert anstarrte. Seine Bewegung war wie eingefroren. Nochmals drückte Sydney auf den Auslöser.

Mein erster Auftrag, dachte sie. Einen weiteren klaren Gedanken konnte sie nicht fassen. Die Welt um sie herum schien sich schneller zu drehen und doch gleichzeitig stehen zu bleiben. Sie schaute nochmals aus dem Fenster.
Noch immer stand ihr Dad auf der anderen Straßenseite. Leichtes Mitgefühl schlich sich in seine Augen, doch sein Lächeln blieb. »Gut gemacht«, schien er mit seinen Lippen formen zu wollen. Er war stolz auf seine Tochter, ohne Frage.
Ein weiteres Mal streifte Sydneys' Blick die Waffe in ihrer Hand.
Sie schluckte, doch dann tat sie es. Sie richtete die letzte Kugel gegen sich selbst.
Endlich war ihr Dienst bei den falschen Göttern beendet.



Sky Schattenfeder
alias Nadine & Steffi
 

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